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San Gil – Waterrafting für Dummies

Am Bus-Terminal in Bogotá angekommen, musste ich mir noch zackig ein Ticket besorgen. War gar nicht so leicht, wusste ich noch nicht mal mit welchem Unternehmen ich fahren werde.

Der Bus-Terminal in Bogotá könnte auch ein kleiner Flughafen sein, so groß ist der. Überall gibt es Schalter an denen sich die Kolumbianer die Zunge wund reden.

»San Gil, San Gil, San Gil« schnappte ich dann irgendwann irgendwo auf. Ha, geht doch!

Ich habe die Fahrt für ca. 35.000 Pesos bekommen, das sind ungefähr 11 Euro. Dauern sollte es 6h, es wurden am Ende jedoch 8 daraus.

Ans Warten, ja, daran muss man sich in Kolumbien eben auch gewöhnen…

Schon die Busfahrt nach San Gil sollte sich als ein spannendes Erlebnis erweisen. Der Bus an sich war jetzt kein Highlight, doch die Fahrt ist schon etwas anders als in Deutschland.

Offensichtlich mögen es die Kolumbianer, sich Action-Filme in Kino-Lautstärke im Bus anzusehen.

Ich hab mich gut amüsiert. Gehört zur kompletten Kolumbien-Erfahrung eben mit dazu, dachte ich mir.

Doch als dann der 2. Streifen ebenfalls so laut abgespielt wurde, bin ich etwas genervt gewesen. Kopfhörer auf die Ohren und aus dem Fenster geschaut.

Damit ich möglichst viel vom Lande sehe, habe ich mich ohnehin dazu entschlossen, möglichst viel auf meiner Reise mit dem Bus zu fahren.

Beste Transportmittel in den Bergen: Pick-Ups

Und ja, es dauert teilweise seeeehr lange, doch es ist es wert. Denn du siehst so viel von der Landschaft und den hohen Bergen. Du siehst, wie die Menschen außerhalb der überfüllten Großstädte leben. Und das alles für einen sehr guten Preis.

Manchmal hat man Glück und bekommt sehr günstige Flugtickets – beste Preise hat »Viva Colombia« – doch San Gil ist etwas abgelegener in den Bergen gelegen. Wenn man flexibel ist, mit Bus ganz gut zu erreichen.

Outdoor-Hauptstadt Kolumbiens

San Gil ist ein wahres Paradies für Abenteuerlustige. Von Waterrafting, Bungee-Jumping über Paragliding bis hin zum Wandern.

Durch die bergige Region zieht es ebenso jede Menge Radsportler an. Der diesjährige Sieger der Spanien-Rundfahrt »Vuelta a España« kommt aus Kolumbien und trainierte ganz oft in den Bergen des Nationalparks »El Cocuy«, der nicht allzu weit von hier entfernt ist.

Alex, der Franzose, hatte mir am Freitagabend noch den Namen seines Hostels genannt. Als ich dann Samstagabend gegen 21 Uhr in San Gil angekommen bin, war das auch die erste Adresse.

Der Taxifahrer hat mich dann auch fix rum gefahren. Ich rausgesprungen, geklingelt. Der Hostel-Besitzer meinte dann zu mir, dass das Hostel voll wäre und kein Alex da ist.

Na toll, da habe ich jetzt nichts reserviert und dann noch sowas. Klappt ja klasse mit dem nicht-planen.

Der Hostel-Besitzer gab mir aber die Adresse von dem Hostel, wo sich der Franzose nun niedergelassen hatte. Fix hin da mit Taxi.

Ich kannte den Ort ja nicht und es war abends. Aus Bogotá wusste ich, dass man sich abends nicht unbedingt alleine irgendwo rumtreiben sollte…

Doch San Gil erwies sich als das absolute Gegenteil. Es ist authentisch, klein und gemütlich.

Als ich dann am richtigen Hostel angekommen war, traf ich zwei Backpacker rauchend am Eingang an. Sie meinten die Rezeption wäre nicht mehr besetzt und sie sind die einzigen die noch wach wären. Um 21.20 Uhr!

Oh je, dachte ich mir, was denn nun?

Ich bin dann einfach rein in die Hütte, habe mir mit Taschenlampe von den beiden alles zeigen lassen und bin dann in den Dorm von Alex.

Der hat auch schon gepennt, doch ich wollte ihn wissen lassen, dass der verrückte Deutsche tatsächlich gekommen ist.

Es waren in dem Dorm noch 2 Betten frei. Mir hat dann eine Holländerin, die noch wach war, vorgeschlagen, dass ich mir einfach ein Bett schnappen soll und ich würde ja sehen, was morgen los ist.

Das hab ich dann auch gemacht. War ja auch ganz schön platt nach den 8h Busfahrt plus Taxi in Bogotá und San Gil. Warten hier und da natürlich nicht einberechnet.

Im Nachhinein habe ich dann gesehen, dass das Hostel »Open House Hostel« heißt. Hat seinem Namen ja mal wieder alle Ehre gemacht.

Aussicht auf den Regenwald in San Gil

Am nächsten Tag ist die Frau des Hauses dann irgendwann gegen 9 Uhr morgens eingetrudelt. Kolumbianische Gelassenheit eben.

Es gab kein Theater, dass ich mir einfach ein Bett geschnappt hatte. Ganz im Gegenteil, sie hat mich ganz herzlich begrüßt und in San Gil willkommen geheißen.

Sie hat mir dann erst einmal ne Map von dem kleinen Städtchen gegeben und mir bei der Orientierung geholfen.

Unbedingt Märkte ausprobieren

Aber eigentlich hatte ich ja meinen Guide Alex dabei. Der hat mich dann auch direkt zum Frühstücken auf einen Markt gezerrt.

»Jugos Naturales«, so nennen sie hier die frisch gepressten Säfte. Da ich überhaupt keine Ahnung von den ganzen spannenden neuen Früchten hatte, die mich hier in Kolumbien erwartet haben, gab es nen »jugo natural de maracuya con leche«. Einen Maracuya-Saft in Milch angerührt.

Das war ein Segen, so lecker. Die liebe Dame an der Theke hat ein 0,5 Liter Glas voll gemacht und als ich ausgetrunken hatte, hat sie noch nach gegossen. Und das alles für 3.000 Pesos, also unter 1 Euro!

Wenn man sich also gesund ernähren möchte und sich nicht scheut selbst zu kochen, hat man in Kolumbien gute Karten. Einzig der Käse ist nicht so nice, das ist hauptsächlich Mozzarella und schmeckt kaum nach was.

Nachdem wir uns dann mit Obst & Gemüse eingedeckt hatten, ging es zurück ins Hostel. Wir hatten nämlich für heute eine Waterrafting-Tour gebucht.

Natürlich hatte ich keinerlei Erfahrung was Waterrafting angeht. Aber einfach reinstürzen. So schlimm kann es ja nicht werden.

Uns hat dann ein »Collectivo«, so nennt man hier die kleinen Busse, mitgenommen, und zum Ort für’s Waterrafting gebracht.

Schon die Fahrt dorthin war sehr spannend für mich. Ein bisschen Reggaeton gab es dann vom Fahrer auf die Ohren und wir sind in die Berge gefahren und hatten atemberaubende Aussichten.

Der Rio Suárez war an dem Tag sehr wild, weil es am Tag davor stark geregnet und gestürmt hatte. Daher war das Wasser eine reine braune Suppe.

Die Guides, die mit uns im Boot saßen, waren cool drauf und haben eine tolle Atmosphäre erzeugt. Es war locker und somit war die Angst eher weniger präsent als die Aufregung endlich ins Wasser zu stürzen.

»Na ja, vielleicht wird man bisschen nass, nicht so schlimm«, ging es mir durch den Kopf. Doch innerhalb der ersten Minuten, waren wir ALLE schon ein Mal komplett im Wasser.

Nachdem wir dann die Instruktionen des Guides im Boot auf dem Wasser ausprobiert hatten, ging es auch schon los.

Zwischendurch habe ich immer wieder das Wort »rabbits« gehört. Alle paar Minuten. Und ich habe mich gefragt, was die denn jetzt alle von den Hasen wollen. Wir riskieren hier fast unser Leben und die unterhalten sich über Hasen.

Doch irgendwann habe ich richtig verstanden. »Rapids« war das richtige Wort. Das heißt so viel wie Stromschnellen.

Die Waterrafting-Strecke auf dem Rio Suárez hat Rapids der Stärke 4 und 5. Soweit ich das richtig verstanden habe, ist 5 die höchste Kategorie, die es auf der Welt gibt.

Na holla, schöne Überraschung!

Es ging also los. Und ich ganz vorne. Es wollte keiner so recht, also wurde ein erfahrener Rafter genommen und der verrückte Deutsche.

Nachdem wir eine Stromschnelle dann erfolgreich überwunden hatten, wurde das im Kollektiv immer schön zelebriert. »It’s magic« ertönte es aus 6 mit Adrenalin voll gepumpten Wasserratten.

Bereit für ’nen Backflip? Na klar!

Mitten durch den Regenwald auf einem Fluss im Boot zu fahren, so habe ich mir mein Abenteuer durch Südamerika vorgestellt.

Zwischendurch konnte man gut die Umgebung genießen. Die Sonne hat geknallt und wir konnten zwischendurch mal ins Wasser hüpfen.

Ein magischer Moment

Doch so langsam näherten wir uns dem Ende der Strecke. Und unser Guide hat uns besonders motiviert, denn am Ende sollten auf uns die schlimmsten Stromschnellen warten. Menschen seien hier schon ums Leben gekommen, hieß es..

Ok, jetzt wurde es also endlich interessant… volle Konzentration.

Ich erinnere mich an den Moment des letzten Rapids folgendermaßen:

Wir paddelten alle so synchron wie möglich in die Stromschnelle hinein. Auf ein Mal ruckelte es oben, unten, links und rechts von mir so doll, wie bei keinem anderen Rapid zuvor. Ich schluckte Unmengen an Wasser. Überall war Wasser!

Und dann plötzlich geschah es:

Ich wurde in die Luft katapultiert. Ich schwebte für einige Sekunden hoch über dem Boot.

Alles was ich sehen konnte waren die Helme meiner Rafting-Buddies. Sie waren allesamt bis zum Helm im Wasser. Inklusive Boot!

Ich hatte solch einen Schutzengel, dass ich im Boot wieder aufgekommen bin. Mit meinem linken Bein auf den Kopf von jemandem gefallen.

Als wir aus der Stromschnelle raus waren, wurde erst mal geguckt, ob jeder noch an Bord war. Ja! Solch ein Glück!

Ich weiß nicht, wie ich diesen Moment anders beschreiben soll, doch es war irgendwie atemberaubend cool und beängstigend zugleich. Es war magisch. Wir standen für einige Minuten alle unter einem kleinen Schock.

Ein Mädel aus unserem Boot hatte in dieser Situation ihr Paddel verloren, das von einem kleinen Kayak, welches zur Sicherheit mit gepaddelt war, aufgelesen wurde.

Wow. Das war krass. Ich habe mich danach kurz gefühlt wie in einer Blase. Es war alles um mich herum wie betäubt. Wie in Trance sind wir den Rest der Strecke zum Ufer gepaddelt.

Ich wollte erst einmal wissen, wem ich denn auf den Kopf gefallen bin. Es war ein anderes Mädel. Sie schien auch etwas benommen.

Ich habe mich mehrere Male bei ihr entschuldigt. Ich konnte nicht wirklich was dafür, aber trotzdem. Ich bin froh, dass wir alle die Helme auf hatten.

Meinen Schmerz im linken Bein sollte ich erst am Ufer bemerken. Zum Glück gab es keine nachhaltigen Folgen.

Bei einem köstlichen Picknick am Ufer haben wir die Fahrt noch einmal gemeinsam reflektiert. Richtig Glück gehabt haben wir, darin waren sich alle einig. Auch diejenigen aus den anderen Booten, die das Spektakel mit beobachtet hatten.

Gestärkt und erholt haben wir uns dann zurück ins Collectivo gesetzt und wurden nach Hause gefahren.

Abends haben wir es uns dann auf dem Plaza gemütlich gemacht. Ich hatte zuvor im »Lonely Planet« gelesen, dass die Einheimischen dort gerne zusammen sitzen und zu Live-Musik ’nen Bierchen schlürfen.

Es war richtig gemütlich. Eine Gruppe Mariachi hat mit Gitarre spanische Lieder gespielt.

Alex, ein anderer Franzose, zwei Belgier und ich haben uns dazu dann über Gott und die Welt unterhalten. Ein Bad im Jacuzzi der Belgier hat den Tag dann noch perfekt abgerundet.

Am folgenden Abend sollte es nach Santa Marta gehen. Von hier aus wollten wir direkt den Bus nach Palomino nehmen. Einem verschlafenen Surferparadies an der Karibischen Küste.